Staatsrecht III (Völkerrecht)

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Grundlagen

Von der Souveränität zur Interdependenz

  • staatliches Gewaltmonopol
  • Globalisierung
  • Interdependenz, weniger Souveränität (Souveränitätspanzer)
  • offener Verfassungsstaat

Von der Koexistenz zur Kooperation

  • Koexistenzrecht: Interventionsverbot, Immunität, staatliche Souveränität
  • Koordinationsrechtsordnung: jeder Staat ist nur an die Rechtssätze gebunden, denen er selbst zugestimmt hat
  • Kooperationsrecht: internationale Organisationen
  • Konstitutionalisierung: verfassungsrechtliche Strukturen, Handlungsfreiräume einzelner Staaten werden zurückgedrängt

Von der Wirtschaftsintegration zur politischen Gemeinschaft in Europa

  • Binnenmarkt, Grundfreiheiten, Freihandelszone, Zollunion
  • Rechtsangleichung
  • EuGH (Motor der Integration)
  • Autonomie und Vorrang des Gemeinschaftsrechts
  • politische Integration
  • materielle Verfassung

Offene Verfassungsstaatlichkeit

  • Offenheit nach außen: Zusammenwirken mit anderen Staaten
  • Wirkungen im innerstaatlichen Recht: Bürger können sich z.B. auf Menschenrechte berufen (Staat schuldet beim Eingehen einer Verpflichtung einen Erfolg)
  • Unionsrecht: unmittelbar in jedem Mitgliedsstaat anwendbar, Anwendungsvorrang, Diskriminierungsverbot, Effektivitätsgebot
  • Territorialitätsprinzip, Personalitätsprinzip, Weltrechtsprinzip

Integrationshebel

Integrationshebel inhaltliche Vorgaben für die auswärtige Gewalt Kompetenzverteilung innerstaatliche Wirkungen des Völker- und Europarechts
Art. 23 I GG für die EU und ihr nahestehende Organisationen (Integrationsschranken)
  • Verfassungsauftrag zur europäischen Integration: Art. 23 I 1 GG (Struktursicherungsklausel)
  • Art. 23 I 2 GG: Ermächtigung zur Übertragung von Hoheitsrechten (Spezialgesetz zu Art. 24 I 1 GG)
  • Art. 23 I 3 GG: Bestandssicherungsklausel
Beteiligung an der europäischen Integration: Präambel, Art. 23 I GG Verbandskompetenz: Art. 32 I und 3, 24 Ia, 24 II und 23 IV-VI GG Völkerrecht: Art. 25 und 59 II GG
Art. 24 I GG für alle anderen supranationalen Organisationen (unmittelbarer Durchgriff, anstelle der deutschen Staatsorgane Hoheitsgewalt ausüben) Frieden und (kollektive) Verteidigung: Präambel, Art. 24 II, 26 I und 87a II GG Organkompetenz: Art. 59 I und II, 23 I und III GG Europarecht: keine Regelungen im Grundgesetz
Art. 24 II GG für die Integration in Systeme gegenseitiger kollektiver Sicherheit Grund- und Menschenrechte: Art. 1 II und III GG

Auswärtige Gewalt

  • materielle Bindungen
    • Verbot des Angriffskrieges, Art. 26 I GG
    • Beschränkung der Bundeswehr auf Einsätze zur Verteidigung, Art. 87a II GG
    • Einordnung Deutschlands in Systeme gegenseitiger kollektiver Sicherheit zur Wahrung des Friedens, Art. 24 II GG
    • Grundrechtsbindungen in grenzüberschreitenden Sachverhalten, Art. 1 III GG
      • räumlicher Anwendungsbereich der deutschen Grundrechte beschränkt sich nicht auf das deutsche Staatsgebiet
      • müssen auch dort berücksichtigt werden, wo deutsche Staatsgewalt extraterritorial wirkt
      • ausländische Staatsbürger können sich auf Grundrechte berufen (sofern es sich nicht um Deutschen-Grundrechte handelt)
      • Zurechnung, Schutzpflichten, Schutzintensität, Respekt vor fremden Rechtsordnungen, ordre public-Vorbehalte
  • Verbandskompetenzverteilung
    • Art. 32 I GG: Bund
    • Art. 32 III GG: in Bereichen, in denen die Länder Gesetzgebungskompetenz haben, ...
      • föderalistische Ansicht: Bund darf dort, wo er nicht über Gesetzgebungskompetenzen verfügt, auch keine Verträge abschließen ("... können nur sie Verträge abschließen")
      • zentralistische Auffassung: Bund darf im Bereich der Gesetzgebungskompetenzen der Länder zwar Verträge abschließen, dies ändert aber nichts an der Verteilung der Gesetzgebungskompetenzen ("... können auch sie Verträge abschließen")
      • Lindauer Abkommen (Kompromiss): ... muss der Bund die Länder beteiligen
    • Länder
      • Art. 24 1a GG: grenznachbarschaftliche Einrichtungen
      • Art. 23 II, IV-VI GG: Beteiligung der Länder an Angelegenheiten der EU, maßgebliche Berücksichtigung der Stellungnahme des Bundesrates
  • Organkompetenzverteilung
    • Bundespräsident als Staatsoberhaupt, Art. 59 GG: formelle Repräsentationsbefugnisse (Akte bedürfen nach Art. 58 S. 1 GG der Gegenzeichnung)
    • Abgrenzung zwischen Bundesregierung und Bundestag
      • Domäne der Exekutive (überholt: Entparlamentarisierung)
      • Zustimmung des Bundestages zu völkerrechtlichen Verträgen, Art. 59 II GG
        • Verträge, die politische Beziehungen des Bundes regeln (z.B. Bündnisverträge)
        • Verträge, die durch Gesetz umgesetzt werden müssen (wegen des Gesetzesvorbehalts und der Wesentlichkeitstheorie)
      • Verwaltungsabkommen: bedürfen nicht der Zustimmung des Bundestages (z.B. bilaterale Abkommen zur Wirtschafts- oder Kulturpolitik)
  • Bundesverfassungsgericht (keine politischen Gestaltungsbefugnisse, Zurückhaltung bei der gerichtlichen Kontrolle)
    • abstrakte Normenkontrolle, Art. 93 I Nr. 2 GG: Kontrolle völkerrechtlicher Verträge
    • Organstreit, Art. 93 I Nr. 1 GG: Streit um Kompetenzen im Bereich der auswärtigen Gewalt
    • Bund-Länder-Streit, Art. 93 I Nr. 4 GG: Streit um Verbandskompetenzen bei Art. 32 GG
    • Verfassungsbeschwerde, Art. 93 I Nr. 4a GG: grds. denkbar gegen alle Maßnahmen der auswärtigen Gewalt, i.d.R. aber keine Beschwerdebefugnis
    • Völkerrechtsverifikationsverfahren, Art. 100 II GG: Feststellung, ob und mit welchem Inhalt allgemeine Regel des Völkerrechts Bestandteil des Bundesrechts ist

Auslandseinsätze der Bundeswehr

Völkerrechtliche Grundlagen Gewaltverbot, Art. 2 Nr. 4 UN-Charta
Ausnahmen Selbstverteidigungsrecht, Art. 51 UN-Charta
Wiederherstellung des Friedens, Art. 39 UN-Charta
bei humanitären Interventionen (str.)
Verfassungsrechtliche Grundlagen (Auslandseinsatz) Einsatzermächtigung
  • stets, wenn kein "Einsatz" (z.B. Musikkapelle)
  • wenn "Einsatz" vorliegt
    • zur Verteidigung, Art. 87a II GG: Verteidigungsfall (Art. 115a I GG), kollektive Selbstverteidigung, ggf. Rettung eigener Staatsangehöriger im Ausland (str.)
    • wenn ausdrückliche Zulassung im GG: im Rahmen und nach den Regeln eines Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit (Art. 24 II GG: UN, NATO, EU), muss der Friedenswahrung dienen
  • sonst: verfassungswidrig (P: Evakuierungseinsätze, EU-Operationen, Antiterroreinsätze)
  • äußerste Grenze: Art. 26 I GG (Verbot des Angriffskrieges)
Organkompetenzverteilung
  • BVerfG: Parlamentsheer, d.h. Einsatz bewaffneter Streitkräfte (wenn greifbare Gefahr besteht, dass deutsche Soldaten in bewaffnete Auseinandersetzungen geraten können) bedarf der vorherigen (außer bei Gefahr im Verzug) Zustimmung des Bundestages (kein Initiativrecht)
  • Bundestag kann Zustimmung nachträglich widerrufen (Rückholrecht)

Grundgesetz und Völkerrecht

Rechtsquellen und Verhältnis zu staatlichem Recht

  • Monismus: Völkerrecht und staatliches Recht, d.h. Bestandteile einer einheitlichen Rechtsordnung
  • Dualismus: zwei grundsätzlich voneinander getrennte Rechtsordnungen
    • Übernahme der völkerrechtlichen Normen: Vollzugslehre (Rechtsanwendungsbefehl im innerstaatlichen Recht) vs. Transformationslehre (völkerrechtliche Regeln müssen in innerstaatliche Regeln umgewandelt werden)
  • Kollision: str.
Rechtsquelle Völkerrechtliche Verträge Völkergewohnheitsrecht allgemeine Rechtsgrundsätze
  • Rechtsgeschäfte zwischen zwei oder mehr Völkerrechtssubjekten (Bindung nicht mit Unterzeichnung, sondern Ratifizierung)
  • Actus-contrarius-Gedanke spricht dafür, bei Verträgen i.S.v. Art. 59 II 1 GG auch die Kündigung von einer gesetzgeberischen Zustimmung abhängig zu machen
Staatenpraxis und Rechtsüberzeugung Lückenfüllung (Verbot des Rechtsmissbrauchs, Grundsatz von Treu und Glauben)
innerstaatliche Geltung
  • Zustimmungsgesetz gem. Art. 59 II 1 GG enthält zugleich Rechtsanwendungsbefehl
  • Verwaltungsabkommen gem. Art. 59 II 2 GG: Rechtsanwendungsbefehl durch Rechtsverordnung oder Verwaltungsvorschrift
  • Art. 25 S. 1 GG: genereller Rechtsanwendungsbefehl
Rang
  • Art. 59 II 1 GG: Rang von Bundesgesetzen
  • Art. 59 II 2 GG: Rang von Rechtsverordnungen
  • Art. 25 S. 2 GG: Zwischenrang (innerstaatlich geltende allgemeine Regeln des Völkerrechts stehen über den Gesetzen); besonderer Ausdruck der Offenheit und Völkerrechtsfreundlichkeit
unmittelbare Anwendbarkeit
  • Rechtsanwendungsbefehl → Bestandteil des innerstaatlichen Rechts → Art. 20 III GG (Bindung der Rechtsanwender an Gesetz und Recht)
  • unmittelbare Anwendbarkeit (ohne Umsetzungs- oder Konkretisierungsschritte)
    • Bürger und Rechtsanwender grds. keine Adressaten völkerrechtlicher Normen
    • Voraussetzung: Anwendungsfähigkeit (self-executing, d.h. hinreichend bestimmt und unbedingt), Anwendungsbefugnis (kein Ausschluss der unmittelbaren Anwendbarkeit)
  • mittelbare Wirkungen (soweit Rechtsanwendungsbefehl vorhanden)
  • vgl. Voraussetzungen bei "Völkerrechtlichen Verträge"
  • Art. 25 S. 2 GG: unter dem Vorbehalt, dass konkrete Völkerrechtsnorm Berechtigung Einzelner entweder bereits selbst begründet oder sich nach ihrem Schutzgehalt zumindest für eine Subjektivierung eignet
Einklagbarkeit prozessuale Durchsetzung: nur dort, wo subjektive Rechte verliehen werden
  • völkerrechtskonformes Handeln kann nur eingeklagt werden, wo es unmittelbar anwendbar ist (objektiv) und wo es eigene Rechte verleiht (subjektiv), z.B. Menschenrechte

Deutsche Einbindung in internationale Organisationen

  • Integrationsnormen
    • Art. 24 I, II GG: Übertragung von Hoheitsrechten (Durchgriffswirkung von supranationalen Organisationen)
    • Art. 59 II 1 GG: politische Verträge, parlamentarische Zustimmung
  • Integrationsfolgen
    • (primäres Völkerrecht: Gründungsvertrag)
    • sekundäres Völkerrecht: Befugnis einiger Organisationen, für Mitgliedsstaaten verbindliche Beschlüsse zu fassen oder auf bestimmten Gebieten Recht zu setzen
      • Maßnahmen supranationaler Organisationen: vorweggenommener Rechtsanwendungsbefehl nach Art. 24 I oder Art. 23 I 2 GG für alle späteren Rechtsakte der Organisationen
      • Maßnahmen nicht-supranationaler Organisationen: bedürfen der Umsetzung durch einen innerstaatlichen Rechtsakt
    • Entscheidungen internationaler Gerichte im deutschen Recht: str. (EGMR; Internationaler Gerichtshof, Art. 92 UN-Charta)

Völkerrechtsfreundlichkeit des GG als Kollisionsvermeidungsprinzip

  • Art. 24 I und Art. 23 I 2 GG: Erlaubnis, Hoheitsrechte auf internationale Organisationen zu übertragen
  • Art. 25 S. 1 GG: genereller Rechtsanwendungsbefehl
  • BVerfG: Widersprüche zwischen Völkerrecht und innerstaatlichem Recht (und damit Völkerrechtsverstoß Deutschlands) im Außenverhältnis bestmöglich vermeiden
    • Zurückdrängung des lex posterior-Gedankens: keine Möglichkeit des Gesetzgebers, durch spätere Gesetzgebung von völkerrechtlichen Verträgen abzuweichen
  • völkerrechtskonforme Auslegung

Europäische Menschenrechtskonvention in der deutschen Rechtsordnung

  • gemeineuropäischer Mindeststandard
  • Konstitutionalisierungsprozess, gemeineuropäische Grundrechtsverfassung
Konventionsgarantien Rechtsschutzsystem
Freiheitsrechte
  • Art. 2: Recht auf Leben
  • Art. 3: Verbot von Folter und unmenschlicher Behandlung
  • Art. 5: Garantien bei Freiheitsentziehung
  • Art. 5: Achtung des Privat- und Familienlebens
  • Art. 9: Religions- und Gewissensfreiheit
  • Art. 10: Meinungs- und Pressefreiheit
  • Art. 11: Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
  • Art. 34: Individualbeschwerde
Gleichheitsrecht
  • Art. 14: akzessorisches Diskriminierungsverbot
Verfahrensgarantien
  • Art. 6: Recht auf faires Verfahren (Rechtsschutz in angemessener Zeit, Unschuldsvermutung)
  • Art. 13: Recht auf wirksame Beschwerde

Völkerrechtliche Wirkungen der Urteile des EGMR

  • Umsetzungspflicht aus Art. 46 I EMRK: Feststellungsurteil (kein Gestaltungsurteil, d.h. kein Aufheben eines deutschen Urteils oder Gesetzes)
  • Entschädigung des Verletzten in Geld, Art. 41 EMRK
  • Art, 46 I EMRK: betroffener Staat ist verpflichtet, im innerstaatlichen Recht einen mit der Konvention vereinbaren Rechtszustand herausstellen

Geltung, Rang, unmittelbare Anwendbarkeit und Einklagbarkeit der EMRK

  • doppelte Grundrechtsbindung für Hoheitsträger: Konventionsgarantien hinreichend bestimmt gefasst, damit unmittelbar anwendbar

Aufwertung der EMRK durch die Verfassungsrechtsprechung

  • jedes Gesetz ist im Einklang mit den Konventionsrechten auszulegen und anzuwenden (lex posterior-Grundsatz gilt nicht)
  • deutsche Grundrechte werden im Lichte paralleler Konventionsrechte ausgelegt (Verfassungsrang vs. Gesetzesrang)
  • zu berücksichtigen bei der Auslegung der deutschen Grundrechte sind auch die ergangenen Urteile des EGMR

Deutschland und die internationale Gerichtsbarkeit

Art. 16 II 2 GG

  • BVerfG lässt Übergabe eines Deutschen an anderen EU-Mitgliedstaat aufgrund Europäischen Haftbefehls nur zu, wenn diese verhältnismäßig
  • erlaubt auch Auslieferung Deutscher an einen internationalen Gerichtshof, praktisch relevant ist der für Makroverbrechen (Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Verbrechen der Aggression) zuständige Internationale Strafgerichtshof
  • Zuständigkeit des IStGH ist subsidiär gegenüber der Zuständigkeit der Vertragsstaaten (insbesondere des Tatortstaats und des Staats, dessen Staatsangehörigkeit der Verdächtige hat)

Art. 24 III GG

  • verpflichtet den Bund, einer näher qualifizierten internationalen Schiedsgerichtsbarkeit beizutreten
  • ist praktisch nicht relevant geworden, weil es eine internationale Schiedsgerichtsbarkeit nicht gibt, die die verlangten Qualifikationsmerkmale aufweist: allgemein (d.h. die überwiegende Mehrheit der Staaten einschließend), umfassend (d.h. für alle Sachgebiete geltend) und obligatorisch (d.h. durch den Kläger einseitig anrufbar)

Grenzen der Justiziabilität von Akten der auswärtigen Gewalt

  • Nur eingeschränkt gerichtlich kontrollierbares weites außenpolitisches Ermessen
  • Übertragung von Hoheitsrechten (Art. 24 I GG) überprüft BVerfG nur darauf, ob unverzichtbare Grundprinzipien des GG verletzt werden